Verantwortung übernehmen statt Schuld

Verantwortung übernehmen – ohne dir die Schuld zu geben

Vielleicht ist Verantwortung eines der am meisten missverstandenen Wörter überhaupt. Denn sobald etwas Schweres passiert, stellen wir schnell die Frage: Wer ist schuld?

Doch Verantwortung und Schuld sind nicht dasselbe. Du trägst keine Verantwortung dafür, dass ein anderer Mensch dich verletzt hat. Nicht für einen Unfall, den du nicht verursacht hast. Nicht dafür, dass du krank geworden bist. Und schon gar nicht für das, was dir als Kind widerfahren ist.

Und trotzdem kannst du heute Verantwortung übernehmen. Nicht für das, was geschehen ist, sondern für das, was heute in dir geschieht. Genau darin liegt ein entscheidender Unterschied.

Das Wichtigste in Kürze

Selbstverantwortung bedeutet nicht, dass du alles in deinem Leben verursacht oder bewusst gewählt hast. Sie bedeutet, wahrzunehmen, welche Gedanken, Gefühle, Schutzstrategien und Reaktionsmuster heute in dir wirken – und zu erkennen, wo du Einfluss nehmen kannst.

Denn manches, was dich heute begrenzt, war früher vielleicht eine ziemlich kluge Lösung.

Vielleicht ist dein Problem eine alte Lösung

Ein Kind betrachtet die Welt anders als ein Erwachsener. Wenn Nähe unsicher ist, Kritik häufig vorkommt oder ein Kind sich nicht gesehen, sicher oder angenommen fühlt, kann es daraus unbewusst Schlussfolgerungen über sich und die Welt ziehen:

Ich darf keine Fehler machen. Ich muss lieb sein, damit ich geliebt werde. Ich darf niemandem zur Last fallen. Ich muss alles alleine schaffen. Mit mir stimmt etwas nicht.

Solche Überzeugungen entstehen nicht aus einer bewussten Entscheidung. Sie können Teil einer Schutzstrategie werden, die damals sinnvoll war.

Und hier beginnt das Paradoxe: Was dich heute einschränkt, könnte dir früher einmal geholfen haben.

Vielleicht funktioniert dein System also gar nicht „falsch“. Vielleicht funktioniert eine alte Strategie noch immer hervorragend – nur in einem Leben, für das sie längst nicht mehr gemacht wurde.

Das verändert den Blick. Weg von: Was stimmt nicht mit mir? Hin zu: Wofür könnte dieses Muster einmal wichtig gewesen sein – und brauche ich es heute noch? Ist es für mein weiteres Leben hilfreich oder hinderlich? Tut es mir gut oder schlecht?

Gefühle sind keine Störung

Angst, Wut, Trauer, Scham oder Hilflosigkeit fühlen sich nicht angenehm an. Manchmal können wir das Gefühl nicht einmal benennen und nehmen lediglich eine körperliche Empfindung wahr: Druck auf der Brust, Enge im Hals, ein Zusammenziehen im Bauch, innere Unruhe, Schwere oder Leere.

Unser Impuls ist häufig derselbe: Mach das weg.

Also lenken wir uns ab, funktionieren, arbeiten, essen, kontrollieren, denken oder vermeiden. Doch Gefühle verschwinden nicht zwangsläufig, nur weil wir sie nicht wahrhaben wollen.

Das dauerhafte Unterdrücken von Emotionen kann mit psychischer und körperlicher Belastung verbunden sein. Gleichzeitig wäre es zu einfach zu behaupten, jedes körperliche Symptom sei ein verdrängtes Gefühl. Körperliche Beschwerden können viele Ursachen haben und sollten entsprechend medizinisch abgeklärt werden.

Vielleicht brauchen wir deshalb einen anderen Blick: Ein Gefühl muss nicht bekämpft werden, nur weil es unangenehm ist. Manchmal braucht es zuerst die Erlaubnis, überhaupt da sein zu dürfen.

Was passiert mit Gefühlen, die wir nicht fühlen wollen?

Robert Betz vertritt dazu eine sehr klare Sichtweise. Sinngemäss sagt er: Der Körper könne Gefühle nicht „verstoffwechseln“. Gefühle, die nicht gefühlt, sondern verdrängt, unterdrückt oder immer wieder heruntergeschluckt werden, blieben im Körper gebunden. Darin sieht er eine wesentliche Ursache für körperliche Beschwerden und Erkrankungen.

Dieses Bild finde ich spannend – und gleichzeitig möchte ich es differenziert betrachten. Wissenschaftlich lässt sich nicht sagen: Dieses nicht gefühlte Gefühl verursacht jene Krankheit. Erkrankungen entstehen in der Regel durch ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren.

Doch deshalb ist die Verbindung zwischen Gefühlen und Körper keineswegs bedeutungslos. Unser emotionales Erleben und unser Körper sind keine voneinander getrennten Welten. Chronischer Stress und der dauerhafte Versuch, belastende Emotionen zu unterdrücken, können körperliche Prozesse beeinflussen.

Vielleicht kennst du das selbst: die Enge im Hals, wenn Worte unausgesprochen bleiben. Den Druck auf der Brust bei Angst. Den angespannten Nacken nach einem Tag voller innerer Anspannung.

Vielleicht müssen Gefühle also nicht immer weg. Vielleicht wollen sie zunächst wahrgenommen, angenommen und gefühlt werden.

Nicht jedes körperliche Symptom ist ein verdrängtes Gefühl. Aber ein körperliches Symptom ausschliesslich als körperliches Geschehen zu betrachten, kann manchmal ebenfalls zu kurz greifen.

Der Körper ist nicht der Gegner unserer Gefühle. Vielmehr ist er der Ort, an dem wir sie überhaupt erst bemerken.

Und wenn dein Trigger gar nicht dein eigentliches Problem ist?

Da ist dieser Mensch, dieser eine Satz, ein bestimmter Blick oder eine Situation – und innerhalb von Sekunden passiert etwas in dir.

Vielleicht denkst du: Der macht mich wütend. Oder: Sie gibt mir das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Natürlich tragen andere Menschen Verantwortung für ihr Verhalten. Selbstverantwortung bedeutet nicht, Grenzüberschreitungen schönzureden, verletzendes Verhalten zu entschuldigen oder die Verantwortung anderer zu übernehmen.

Und trotzdem lohnt sich eine zweite Frage: Was genau wird gerade in mir berührt?

Denn so unangenehm der Auslöser im Aussen auch sein mag: Das Gefühl, das dabei entsteht, findet in dir statt. Vielleicht trifft ein heutiger Satz auf eine alte Wunde. Vielleicht wird eine Überzeugung aktiviert, die du seit Jahrzehnten mit dir trägst. Vielleicht reagiert dein Nervensystem auf etwas, das längst vergangen ist, als wäre es noch immer gegenwärtig.

Robert Betz verwendet für solche Menschen gerne den provokanten Begriff „Arschengel“. Ein Mensch kann uns gehörig auf die Nerven gehen, uns verletzen oder triggern – und gleichzeitig etwas in uns sichtbar machen, das vorher im Verborgenen lag.

Das bedeutet nicht, dass wir dankbar dafür sein müssen, schlecht behandelt zu werden. Es bedeutet auch nicht, dass wir alles hinnehmen sollen.

Es bedeutet lediglich: Ein Trigger kann gleichzeitig eine Grenzverletzung im Aussen und ein Hinweis auf eine Wunde im Inneren sein.

Beides kann wahr sein.

Verantwortung beginnt dort, wo Schuld aufhört

Vielleicht hast du dich schon einmal gefragt: Warum passiert mir das immer wieder?

Eine unbequemere, aber möglicherweise hilfreichere Frage lautet: Was passiert in mir immer wieder?

Das ist ein gewaltiger Unterschied. Die erste Frage richtet den Blick vor allem nach aussen. Die zweite bringt dich zurück zu dem Bereich, den du tatsächlich beeinflussen kannst: deine Grenzen, deine Entscheidungen, deinen Umgang mit Gefühlen, deine alten Überzeugungen, deine Reaktionen und vielleicht auch die Geschichten, die du seit vielen Jahren über dich selbst erzählst.

Selbstverantwortung bedeutet deshalb nicht, die Vergangenheit umzuschreiben. Sie bedeutet, zu erkennen, wo die Vergangenheit heute noch mitschreibt.

Der befreiende Gedanke

Selbstverantwortung kann zunächst unbequem sein. Denn solange ausschliesslich die anderen dafür verantwortlich sind, wie es mir geht, müssen sich zuerst die anderen verändern: mein Partner, meine Mutter, mein Vater, mein Chef oder vielleicht sogar das Leben selbst.

Doch was, wenn sie es nicht tun?

Dann wäre mein Wohlbefinden dauerhaft von etwas abhängig, das ich nicht kontrollieren kann.

Genau deshalb kann Verantwortung etwas unglaublich Befreiendes haben. Sie bedeutet nicht: „Ich bin schuld daran.“ Sie bedeutet: „Ich kann heute etwas damit machen.“

Und vielleicht liegt genau darin unsere grösste Gestaltungsmöglichkeit.

Wir können nicht jedes Ereignis kontrollieren. Wir können nicht verhindern, dass Menschen uns enttäuschen, dass Verluste geschehen oder dass das Leben manchmal vollkommen anders verläuft, als wir es uns gewünscht hätten.

Aber wir können beginnen wahrzunehmen, was all das in uns ausgelöst hat. Welche Gefühle wir nicht fühlen wollten. Welche Überzeugungen wir daraus entwickelt haben. Welche Schutzstrategien wir noch immer benutzen. Und welche davon heute vielleicht nicht mehr notwendig sind.

Vielleicht ist das die kraftvollste Form von Verantwortung: nicht die Schuld für deine Geschichte zu übernehmen, sondern die Gestaltung ihrer Fortsetzung.

Was geschehen ist, gehört zu deiner Geschichte. Aber es muss nicht bestimmen, wie sie weitergeht.

⚓ Raum halten. Sicherheit geben. Veränderung begleiten

Impulsquelle: Robert Betz, Online-Abendseminar / 7-Tage-Online-Kurs, persönliche Kursnotizen, 2026.

Mehr zu Robert Betz hier.

Quellen:

1. Tyra, A. T. et al. (2024): Emotion suppression and acute physiological responses to stress.

2. Hu, T. et al. (2014): Relation between Emotion Regulation and Mental Health: A Meta-Analysis Review.

3. World Health Organization (WHO): Stress.

4. Borrell-Carrió, F., Suchman, A. L. & Epstein, R. M. (2004): The Biopsychosocial Model 25 Years Later.

5. Gruhn, M. A. & Compas, B. E. (2020/2022): Zusammenhang von belastenden Kindheitserfahrungen und Emotionsregulation.