Warum kann etwas, das vor Jahren passiert ist, plötzlich wieder so präsent sein, als würde es gerade jetzt geschehen?
Ein Geruch. Ein Satz. Ein Arztbesuch. Eine bestimmte Situation – und plötzlich reagiert der Körper: Herzklopfen, Angst, Anspannung, Tränen oder das Bedürfnis, einfach nur wegzukommen.
Der Verstand weiß vielleicht längst: Es ist vorbei. Doch etwas in uns reagiert, als wäre es das nicht. Genau hier setzt EMDR an.
Das Wichtigste in Kürze
EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing – auf Deutsch etwa „Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen“.
EMDR ist eine wissenschaftlich untersuchte Methode. Besonders für die Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist ihre Wirksamkeit gut untersucht. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO führt EMDR als mögliche psychologische Intervention bei Erwachsenen mit PTBS auf.
Das Ziel von EMDR ist dabei nicht, Erinnerungen zu löschen. Das Erlebte bleibt Teil deiner Geschichte. Aber die Belastung, die damit verbunden ist, kann sich verändern.
Was passiert bei einer belastenden Erfahrung?
Unser Gehirn verarbeitet jeden Tag unzählige Informationen und Erfahrungen. Normalerweise können Erlebnisse eingeordnet und mit bereits vorhandenem Wissen verbunden werden. Wir erinnern uns daran – und gleichzeitig wissen wir: Das war damals. Ich bin heute hier.
Bei sehr belastenden oder überwältigenden Erfahrungen kann diese Verarbeitung jedoch beeinträchtigt sein. Und dabei ist mir etwas besonders wichtig: Ob etwas traumatisch erlebt wird, lässt sich nicht allein daran messen, wie „schlimm“ ein Ereignis von aussen betrachtet erscheint.
Menschen sind unterschiedlich. Unsere Erfahrungen, unsere Lebensgeschichte, unser Alter, unsere Ressourcen und unser Gefühl von Sicherheit spielen dabei eine Rolle.
Ein Unfall, Gewalt oder ein schwerer Verlust können traumatisch sein. Aber auch eine schwierige Geburt, eine Fehlgeburt, medizinische Eingriffe, wiederholte Beschämung, emotionale Vernachlässigung oder Erfahrungen aus der Kindheit können tiefe Spuren hinterlassen. Diese scheinbar „kleineren“ Traumas nenne ich Mikrotrauma.
Um zu verstehen, was bei einer traumatischen Erfahrung geschehen kann, mag ich ein vereinfachtes Bild: Stell dir eine herausfordernde Erinnerung wie ein Puzzle vor.
Bildlich gesprochen: Bei einer gut verarbeiteten Erinnerung liegen die einzelnen Puzzleteile zusammen. Du kannst das Bild betrachten und weißt: Das gehört zu meiner Vergangenheit.
Bei einer belastenden Erfahrung können einzelne Puzzleteile noch stark mit der ursprünglichen Angst, Hilflosigkeit oder körperlichen Reaktion verbunden sein.
Vielleicht ein Bild. Ein Geräusch. Ein Geruch. Eine Körperempfindung. Ein Gefühl. Oder ein Gedanke wie:
- Ich bin hilflos.
- Ich bin nicht sicher.
- Ich bin schuld.
Später reicht möglicherweise ein scheinbar unbedeutender Auslöser – ein sogenannter Trigger – und einzelne dieser „Puzzleteile“ werden wieder reaktiviert.
Der Körper reagiert unverhältnismässig. Obwohl heute eigentlich keine Gefahr mehr besteht.
EMDR kann die Verarbeitung unterstützen, sodass die Erinnerung zunehmend als das erlebt werden kann, was sie heute ist: Vergangenheit.
Was macht EMDR mit diesen „Puzzleteilen“?
Während einer EMDR-Sitzung wird eine belastende Erinnerung sanft gezielt aktiviert. Gleichzeitig erfolgt eine sogenannte bilaterale Stimulation.
Am bekanntesten sind die Augenbewegungen: Die Augen folgen einer Bewegung abwechselnd nach links und rechts. Auch andere Formen wechselseitiger Stimulation sind möglich.
Das Adaptive Information Processing Model (AIP) ist das theoretische Erklärungsmodell, auf dem EMDR basiert. Vereinfacht geht das Modell davon aus, dass unser Gehirn Erfahrungen normalerweise verarbeitet, miteinander verknüpft und in bereits bestehende Erinnerungsnetzwerke integriert.
Bei sehr belastenden oder überwältigenden Erfahrungen kann diese Verarbeitung jedoch unvollständig bleiben. Gedanken, Bilder, Gefühle oder Körperempfindungen können dadurch weiterhin mit der ursprünglichen Belastung verbunden sein.
Nach dem AIP-Modell soll EMDR die weitere Verarbeitung dieser belastenden Erinnerungen unterstützen und ermöglichen, dass sie mit anderen, hilfreicheren Informationen und Erfahrungen verknüpft werden können.
Wichtig dabei: Das AIP-Modell ist ein theoretisches Erklärungsmodell und kein abschliessend bewiesener neurobiologischer Mechanismus. Wie EMDR seine Wirkung genau entfaltet, wird weiterhin wissenschaftlich untersucht.
In unserem Puzzlebild bedeutet das: Die einzelnen Teile bekommen die Möglichkeit, sich neu zu verbinden und Teil eines zusammenhängenden Bildes zu werden. Nicht vergessen. Nicht verdrängt. Sondern verarbeitet.
Aber warum bewegen wir dabei die Augen?
Genau diese Frage finde ich besonders spannend.
Eine der wissenschaftlich gut untersuchten Erklärungen ist die sogenannte Working-Memory-Hypothese. Wenn du dich bewusst an ein belastendes Erlebnis erinnerst, beansprucht dies dein Arbeitsgedächtnis. Gleichzeitig benötigen auch die Augenbewegungen Aufmerksamkeit und Verarbeitungskapazität. Beides gleichzeitig fordert das Arbeitsgedächtnis.
Die Working-Memory-Hypothese ist eine etablierte und gut untersuchte Erklärung dafür, wie die Augenbewegungen bei EMDR zur Verringerung von Lebendigkeit und emotionaler Intensität belastender Erinnerungen beitragen könnten. Sie ist aber nicht der abschließend bewiesene alleinige Wirkmechanismus von EMDR.
Und genau diese wissenschaftliche Ehrlichkeit finde ich wichtig: Wir müssen nicht so tun, als wäre bereits jedes Detail verstanden, um zu wissen, dass eine Methode wirksam sein kann.
Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt EMDR auf dieser Grundlage: Sie erklärt, dass EMDR auf der Annahme beruht, dass negative Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen mit unverarbeiteten Erinnerungen zusammenhängen können. Während der EMDR-Behandlung richtet sich die Aufmerksamkeit gleichzeitig auf traumabezogene Bilder, Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen sowie auf eine bilaterale Stimulation – meist in Form wiederholter Augenbewegungen.
Die WHO zählt EMDR zu den psychologischen Interventionen, die bei Erwachsenen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) in Betracht gezogen werden sollen. Die Qualität der Evidenz bewertet sie dabei als moderat.
EMDR ist keine Hypnose
Da ich in meiner Praxis sowohl mit Hypnose als auch mit EMDR arbeite, ist mir diese Unterscheidung wichtig. EMDR und Hypnose sind zwei unterschiedliche Methoden.
Bei EMDR arbeitest du bewusst mit einer belastenden Erinnerung, den damit verbundenen Gefühlen, Gedanken und Körperempfindungen. Du bist ansprechbar und aktiv am Prozess beteiligt. Die Augenbewegungen versetzen dich nicht in Hypnose.
Natürlich kann auch Hypnose wirkungsvoll unterstützend sein bei Traumas.
Welche Methode sinnvoll ist, hängt vom Menschen, seinem Anliegen und seiner individuellen Situation ab.
Von Belastungsstufe 10 auf 3
Wie deutlich sich eine Belastung verändern kann, durfte ich kürzlich wieder in meiner Praxis erleben.
Eine Klientin bewertete ihre subjektiv empfundene Belastung zu Beginn der EMDR-Verarbeitung auf einer Skala von 0 bis 10 mit 10 – also maximal belastend. Am Ende der Sitzung lag sie bei 3.
Rein rechnerisch entspricht das einer Reduktion der subjektiv angegebenen Belastung um 70 Prozent. Das ist bemerkenswert.
Und trotzdem ist mir wichtig zu sagen: Es handelt sich um den individuellen Verlauf einer einzelnen Klientin und nicht um ein Versprechen, dass EMDR bei jedem Menschen innerhalb einer Sitzung dasselbe bewirkt.
Fazit
Manche Prozesse brauchen Zeit. Andere verändern sich überraschend schnell. Jeder Mensch und jede Geschichte ist individuell. Die Erinnerung darf bleiben – und die Belastung darf gehen.
Vielleicht ist das für mich einer der schönsten Gedanken hinter EMDR: Es geht nicht darum, die eigene Geschichte auszulöschen. Was passiert ist, ist passiert. Und was verletzt hat, darf als Verletzung anerkannt werden.
Doch eine Erinnerung muss nicht für immer dieselbe emotionale Kraft besitzen. Irgendwann kann aus:
„Es fühlt sich an, als würde es wieder passieren.“
ein:
„Ich weiß, dass es passiert ist. Aber es ist vorbei.“
werden.
Die Vergangenheit bleibt Teil deiner Geschichte. Aber sie muss nicht bestimmen, wie du dich heute fühlst.
⚓ Raum halten. Sicherheit geben. Veränderung begleiten.
Quelle:
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World Health Organization (WHO): Posttraumatic stress disorder (PTSD): Psychological interventions – adults. Aktualisierte Empfehlung 2023.
World Health Organization (WHO): Post-traumatic stress disorder – Informationen zu evidenzbasierten psychologischen Interventionen.
Rydberg, J. A., Virgitti, L. & Tarquinio, C. (2024): Bolstering the adaptive information processing model: a narrative review. Frontiers in Psychiatry, 15.
Landin-Romero, R. et al. (2018): How Does Eye Movement Desensitization and Reprocessing Therapy Work? A Systematic Review on Suggested Mechanisms of Action. Frontiers in Psychology